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Mit jedem Atemzug: Sichere Beatmung auf der Intensivstation durch verbessertes Datenmanagement

Ein Kliniker auf einer Intensivstation entdeckt die Möglichkeit zur Verbesserung von Protokollen und der Patientenpflege anhand von Datenanalysen

Der Zustand von Patienten, die auf der Intensivstation liegen, ist oft sehr kritisch. Tatsächlich werden mehr als die Hälfte der Intensivpatienten in den ersten 24 Stunden nach der Einlieferung auf die Intensivstation maschinell beatmet.

Allerdings kann die lebensrettende maschinelle Beatmung selbst zu lebensbedrohlichen Komplikationen wie dem Austritt von Luft aus der Lunge und oder einer Lungenentzündung (sog. Pneumonie) führen. Untersuchungen zeigen, dass durchschnittlich einer von fünf Patienten, die auf die Intensivstation verlegt werden, stirbt.

Jean-Daniel Chiche, Professor für Intensivmedizin an der Pariser Descartes Universität und Mediziner auf der Intensivstation des Cochin Universitätskrankenhauses in Paris, glaubt, die Lösung für diese Herausforderung gefunden zu haben. Mittels Daten aus biomedizinischen Systemen der Intensivstation möchte er die Umsetzung von Protokollen vorantreiben und Verhaltensweisen ändern, um so schließlich Patientenleben zu retten. Prof. Chiche stellte seine Ergebnisse bei einer Präsentation auf der HIMSS and Health 2.0 European Conference vor, die vom 11. bis zum 13. Juni in Finnland stattfand.

„Klinische und physiologische Parameter mit Labordaten zusammen zu führen liefert neue Erkenntnisse und ist ein wichtiger Schritt zur Präzisionsmedizin, bei der wir Patienten sehr spezifische Behandlungsoptionen anbieten können“, so der Professor.

Die großen Datenmengen der Patientenüberwachung und Untersuchungen auf der Intensivstation sind reif für eine Analyseinitiative, die Ärzte in ihren klinischen Entscheidungen unterstützt. Laut Professor Chiche ist die frühere Vorgehensweise, Daten von Intensivstationen im Berichtsformat abzurufen, längst überholt. Heute erhalten Ärzte Ihre Informationen von dynamischen und visuellen Dashboards. Er selbst verlässt sich in diesem Zusammenhang auf Centricity Critical Care von GE Healthcare, ein Informationssystem für Intensivstationen, das Ärzte dabei unterstützt bessere medizinische Ergebnisse zu erzielen und durch steigende Effizienz Kosten zu senken.

Auf seiner Intensivstation werden jährlich rund 1.800 Patienten behandelt, von denen täglich 7.000 bis 8.000 Datenpunkte erfasst werden. Insgesamt kümmern sich 12 Pflegekräfte in Zwölf-Stunden-Schichten um bis zu 24 Patienten gleichzeitig. Die Centricity-Lösung ist mit sämtlichen biomedizinischen Geräten der Station verbunden und unterstützt dessen gesamtes klinisches Personal bei der Interpretation der Datenflut, sodass Pflegeprotokolle von der maschinellen Beatmung, über die Narkose bis hin zum Ausschalten der Sedierung verbessert werden können.

„Mit diesem Tool können wir unsere Pflegeprotokolle in einer multidisziplinären Arbeitsgruppe entwickeln und auf eine Art und Weise adaptieren, die den Ablauf zur  Datenerhebung und -darstellung verändert. Mit Centricity wird es einfacher, unsere Pflegeprotokolle basierend auf Daten zu erstellen und zu verbessern.“

Dadurch könnten laut Chiche mögliche Nebenwirkungen, wie beispielsweise die Selbst-Extubation während der Beatmung bei Patienten, die nicht ausreichend sediert wurden und versehentlich ihren Tubus entfernen, erheblich reduziert werden. Ein weiteres solches Beispiel sei eine Darmthrombose, ein lebensbedrohlicher Zustand, der auftritt, wenn sich ein Blutgerinnsel im Darm bildet. „Wir konnten für diese Patienten Veränderungen bei der erwarteten Mortalitätsrate feststellen und die Einweisungsrichtlinie für sie ändern“, sagt er.

Seine Abteilung erforscht zudem, wie Daten bei der Erkennung von häufig tödlicher akuter Niereninsuffizienz helfen können. „Wir schauen uns die im Laufe der Zeit gesammelten Daten an und versuchen dann das Risiko einer schwerwiegenden akuten Niereninsuffizienz 24 bis 48 Stunden vor deren tatsächlichen Eintritt vorherzusagen. Dadurch verändert sich unser Entscheidungsfindungsprozess, denn wir ziehen Verfahren oder eine Untersuchung in Betracht, die in Verbindung mit einem erhöhten Risiko für eine akute Nierenschädigung steht.“

Daten sind der Schlüssel für eine bessere Patientenversorgung auf der Intensivstation. Das Pflegepersonal erhält eine Rückmeldung zur Patientenversorgung basierend auf festgelegten wesentlichen Leistungsindikatoren (KPIs). „Diese KPIs werden unseren Pflegekräften bereitgestellt, damit diese einen Überblick über ihre Leistungen haben“, sagt er. Wir setzen diese KPIs dazu ein, eine Veränderung herbeizuführen und die Menschen, die diese Veränderungen vorantreiben, sind Pflegekräfte, die durch Daten nun dazu in der Lage sind.“

Ein Bereich, der davon profitiert ist die maschinelle Beatmung. Sie wird dadurch sicherer. „Die Bereitstellung dieser KPIs für Pflegekräfte hat die maschinelle Beatmung für unsere Patienten wesentlich sicherer gemacht.“

Untersuchungen haben ergeben, dass eine erhebliche Lücke zwischen der Wahrnehmung des klinischen Personals für eine angemessene Beatmung und der tatsächlichen Beatmung besteht. „Die Frage an Teilnehmer, ob sie eine sichere maschinelle Beatmung ermöglichen, wurde von 92 % mit „Ja“ beantwortet. Tatsächlich lag diese Zahl nach Audit-Untersuchungen jedoch nur bei 7 %*. Das ist ein erheblicher Unterschied.“

 „Die im Laufe der Zeit gesammelten Daten können uns bei der Vorhersage des Risikos einer schwerwiegenden akuten Nierenschädigung 24 bis 48 Stunden vor deren tatsächlichen Eintritt unterstützen.“ – so Jean-Daniel Chiche, Professor für Intensivmedizin an der Descartes Universität in Paris und Arzt auf der Intensivstation des Cochin Universitätskrankenhauses in Paris.

Aus diesem Grund ist er Mitglied bei 101, eine Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Leben durch bessere Beatmungsmethoden auf der Intensivstation zu retten. Darüber hinaus erfasst die Organisation Daten von Intensivstationen auf der ganzen Welt in einer gemeinsamen Datenbank, um weltweit bessere Einblicke zu ermöglichen.

„Dadurch erhalten wir nicht nur Daten, mit denen wir Menschen unterstützen können, ihre Versorgung der eigenen Fachabteilung zu verbessern, vielmehr sind wir davon überzeugt, dass dies eine Verbesserung für sämtliche Intensivstationen auf der ganzen Welt mit sich bringt. Nicht nur, dass alle von ihnen ausgeführten Aufgaben berücksichtigt werden können, sondern sie erhalten Informationen darüber wie sie diese Aufgaben ausführen. Tatsächlich können alle Stationen, die wir gesehen haben, von diesen Einblicken profitieren, denn dem Pflegepersonal wird dadurch ermöglicht, ihre Versorgung sicherer zu machen und zu verbessern.“

 

*Weiss, Curtis & Baker, David & Tulas, Katrina & Weiner, Shayna & Bechel, Meagan & Rademaker, Alfred & Fought, Angela & Wunderink, Richard & Persell, Stephen. (2017). A Critical Care Clinician Survey Comparing Attitudes and Perceived Barriers to Low Tidal Volume Ventilation with Actual Practice. Annals of the American Thoracic Society. 14